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In Memoriam Michael Benedikt

Die Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft trauert um

Emer. o. Univ.-Prof. Dr. Michael Benedikt  

der am Montag, dem 13. August 2012, im Alter von 83 Jahren verstorben ist.      

Die Fakultät verliert mit Emer. o. Univ.-Prof. Dr. Michael Benedikt einen außergewöhnlichen Philosophen, der sich durch hohe Originalität und unermüdliche Tätigkeit bis ins hohe Alter ausgezeichnet hat.

Michael Benedikt wurde am 17. November 1928 in Wien geboren. Sein Vater, der Gymnasialprofessor, Altphilologe und Schriftsteller Eugen Benedikt, war Mitbegründer der Gruppe „Religiöse Sozialisten“ und Pazifist. Mit seiner Familie emigrierte er 1938 in die Schweiz. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1939 kehrte die Familie zurück nach Wien, wo Michael die Grund- und Mittelschulausbildung erhielt. Ab 1944 lebte er wegen Kriegsdienstverweigerung im Untergrund.

Von 1945 an studierte Michael Benedikt Philosophie, Anglistik, Romanistik, Soziologie und Ethnologie in Wien, München, Freiburg und Minneapolis. 1952 promovierte er in Wien (bei Leo Gabriel) mit einer Dissertation über Martin Heidegger. Es folgten 25 Jahre Tätigkeit in unterschiedlichen Berufsfeldern, innerhalb und außerhalb der Philosophie: als Bibliothekar, Grundschullehrer, Universitätslehrer in Österreich, als Fulbright-Fellow in den USA und als Humboldt-Fellow in der Bundesrepublik Deutschland. Im Jahr 1972 habilitierte sich Michael Benedikt mit der Schrift „Das Problem des philosophischen Empirismus“ an der philosophischen Fakultät der Universität Wien, wohin er 1976 als Universitätsprofessor für Philosophie berufen wurde. Es folgten Gastprofessuren in den USA, in Italien, Frankreich und der Slowakei, sowie eine rege Tätigkeit als Forscher und Lehrer am Institut für Philosophie. Neben den zahlreichen von ihm veranstalteten Symposien und seiner umfangreichen Vortrags- und Publikationstätigkeit ist vor allem das große Projekt zu nennen, das von ihm ins Leben gerufen und unter seiner Leitung realisiert wurde: die Reihe, „Verdrängter Humanismus – verzögerte Aufklärung“, zur Philosophie in Österreich seit 1400. Es liegen sechs Bände von insgesamt mehreren Tausend Seiten vor.

Ich habe das Privileg, Michael Benedikt seit seiner Berufung im Jahr 1976 gekannt zu haben, und erlaube mir daher, einige Worte über seine Tätigkeit am Institut für Philosophie aus meiner persönlichen Erinnerung anzufügen. Die Zeit, in der Michael Benedikt als Professor nach Wien berufen wurde, war gekennzeichnet durch den Demokratisierungsschub, den das Universitätsorganisationsgesetz von 1975 an die Universitäten gebracht hatte. Die Demokratisierung führte zu einer bemerkenswerten Aufbruchsstimmung, zu teils heftigen Konflikten und zu vielen lebendigen Debatten.

Michael Benedikt war damals an vielen dieser Debatten beteiligt, und die Konflikte hat er nicht gescheut. Er hat mit einer Reihe von Assistenten zusammengearbeitet. Mit manchen von ihnen hat er sich zusammengestritten, mit anderen zerstritten. Konventionelle Grenzen zwischen philosophischen Schulen und Subdisziplinen hat er nie respektiert und immer nach neuen Gesprächsmöglichkeiten gesucht. Ich erinnere mich an eine Tagung, zu der er kurz nach Antritt seiner Professur ins Stift Heiligenkreuz eingeladen hatte. Um welches Thema es ging, weiß ich heute nicht mehr. Aber ich weiß noch, dass es einer der seltenen Versuche war, Philosophinnen und Philosophen, die in sehr unterschiedlichen Richtungen arbeiteten, zu einem philosophischen Gespräch zu versammeln. Mit dem Ziel, auch Perspektiven der Kooperation zu erarbeiten. Damals hatte ich noch keine Ahnung, wie schwierig ein solches Unterfangen ist. Heute weiß ich es.

Michael Benedikt hat im Lauf seines Lebens als Forscher und Lehrer eine Gruppe von Studierenden und Mitarbeitern um sich versammelt, die ebenso ambitioniert in der Philosophie waren wie unangepasst in ihren politischen und gesellschaftlichen Haltungen. Er konnte Studierende und Kollegen immer wieder faszinieren durch seine ungeheure Gelehrtheit und durch die außergewöhnlichen Verbindungen, die er quer durch die Philosophiegeschichte und die Disziplinen herzustellen in der Lage war. So originell sein Denken war, so schwer zugänglich war es freilich auch. Es ist nicht leicht, seine Schriften zu lesen, und es ist nicht leicht, von ihm zu lernen. So mancher, der versucht hat, es ihm gleichzutun, hat den Gestus übernommen, ohne diesen mit einer ähnlichen philosophischen Substanz versehen zu können.

Der intellektuelle Gestus, der für Michael Benedikt so charakteristisch war, gründete in einer persönlichen Haltung, die viel mehr betraf als seine Arbeit in der Philosophie. Sie war gekennzeichnet durch eine spontane Parteinahme für das, was zu den Erwartungen quer liegt – seien diese Erwartungen innerhalb der Philosophie oder außerhalb. Diese spontane Parteinahme für Querliegendes betraf auch Personen, die sich – aus welchen Gründen immer – gesellschaftlichen Erwartungen quer gelegt haben oder mit ihnen in Schwierigkeiten geraten waren. Ich denke noch mit der allergrößten Hochachtung daran, wie Michael Benedikt diesen Personen nachgegangen ist – wenn es sein musste, auch ins Gefängnis, um ihnen geistige Nahrung in Form von philosophischer Literatur zu bringen.

Ich glaube nicht, dass solche Parteinahme und die mit ihr verbundenen Haltungen letztlich philosophisch begründet sind. Sie entstammen wohl Vorbildern und Orientierungen, die wirksam waren, lange bevor jemand dazu kommt, sich der Philosophie zuzuwenden. Aber im Fall von Michael Benedikt haben sich diese Haltungen in einem sehr charakteristischen philosophischen Profil niedergeschlagen. In seiner Philosophie wurde das Unerwartete beinahe zum Prinzip erhoben. Der Duktus seines Denkens changierte zwischen hoher begrifflicher Differenzierung und anarchistischer Auflösung, zwischen gedanklicher Strenge und spielerischer Vielfalt. Es war getrieben von einer unersättlichen intellektuellen Neugier und einem geradezu moralischen Anspruch, das Unerwartete hervorzubringen und zu leben.

Ob in der universitären Welt der Zukunft für experimentelle Lebens- und Denkweisen dieser Art noch Platz sein wird, soll hier offen gelassen werden. Jedenfalls wird die Erinnerung an den Duktus von Benedikts Denken in seinen Schülerinnen und Schülern lebendig bleiben. Viele von ihnen haben sich von ihm zu Denk- und Lebenswegen inspirieren lassen, auf denen sie zwischen den Disziplinen und in Überschreitung der Grenzen der akademischen Welt unterwegs sind, dem Querliegenden und Unerwarteten nachgehen und für es Partei ergreifen.

ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Elisabeth Nemeth
Desig. Dekanin

Wien, im August 2012

Nachruf auf der Homepage der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft

Nachruf von emer. o. Univ.-Prof. Dr. Hans-Dieter Klein

 

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