Nachruf Peter Kampits (28. Juni 1942 – 16. Juni 2026)
Am 16. Juni ist Peter Kampits, der das Institut für Philosophie wie auch die Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien über viele Jahre prägte, nach langer, schwerer Krankheit gestorben.
Peter Kampits studierte an der Universität Wien Philosophie, Psychologie und Geschichte und promovierte 1965 mit der Dissertation Das Bild des Menschen bei Albert Camus: ein Mythos vom Menschen bei Leo Gabriel (veröffentlicht unter Der Mythos vom Menschen. Zum Atheismus und Humanismus Albert Camus‘, Otto Müller Verlag Salzburg 1968).
In der Folge absolvierte er ein Postgraduate-Studium an der Sorbonne in Paris und fokussierte seine Forschung auf sozialontologische und ethische Fragestellungen. Die klassische Grenze zwischen Theoretischer und Praktischer Philosophie überschreitend habilitierte sich Peter Kampits 1974 mit Forschungsarbeiten zu Jean-Paul Sartre und Gabriel Marcel für das Fach Philosophie. Die Habilitationsschrift Die Frage nach dem Anderen: eine Untersuchung der Sozialontologie von Jean Paul Sartre und Gabriel Marcel wurde 1975 vom Oldenbourg Verlag in zwei Bänden publiziert: Sartre und die Frage nach dem Anderen. Eine sozialontologische Untersuchung und Gabriel Marcels Philosophie der zweiten Person. 1977 wurde Peter Kampits zum Universitätsprofessor am Wiener Institut für Philosophie ernannt. Er leitete das Institut von 1987 bis 1991 und von 2001 bis 2004. In der zweiten Funktionsperiode als Institutsvorstand setzte er sich im Rahmen der Umsetzung des UG 2002 für die Gründung einer Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft ein und wurde zum ersten Dekan dieser neuen Fakultät ernannt. (Zuvor war das Institut für Philosophie Teil der großen und heterogenen Human- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät.) Dieser neuen Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft wurden neben dem Institut für Philosophie und dem Institut für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung das Institut für Erziehungswissenschaft (seit 2005 umbenannt in Institut für Bildungswissenschaft) und das Institut für schulpraktische Ausbildung (seit 2013 eine eigene Organisationseinheit: Zentrum für Lehrer*innenbildung) zugeordnet. Gemeinsam mit Vizedekanin Ines Maria Breinbauer leitete Peter Kampits die Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft von ihrer Gründung 2004 bis zu seinem Pensionsantritt 2008.
In philosophischer Hinsicht zeichnete sich Peter Kampits‘ Schaffen durch eine große Breite aus: Von Sprachphilosophie, Sozialphilosophie und Existenzphilosophie über Fragen der Ethik, der angewandten Ethik sowie der politischen Philosophie bis hin zu philosophischen Reflexionen über Literatur, universitäre Bildung und Kulturpolitik reichten seine Forschungen, die er in Publikationen wie auch in Lehrveranstaltungen, in Vorträgen wie in Radio- und TV-Beiträgen sowie in Podiumsdiskussionen zu ethischen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen vermittelte. Aufgrund seiner profunden inhaltlichen Kenntnis schaffte es Peter Kampits, schwierige und komplexe philosophische Fragestellungen nachvollziehbar zu erläutern und auf die jeweilige Leser*innen- und Hörer*innenschaft einzugehen. Über das ‚dialogische Prinzip‘ hat er entsprechend nicht nur geschrieben, er hat es auch gelebt. Dies zeigte sich nicht nur in seinen schriftlichen wie mündlichen Forschungsbeiträgen, sondern ebenso in der Betreuung seiner Diplomand*innen und Dissertant*innen: Auch wenn er aus seinen eigenen Standpunkten nie einen Hehl gemacht hat, hat er dennoch andere Positionen vorurteilsfrei gelten lassen, sofern sie gut begründet waren. Menschen hingegen, die ihm nur nach dem Mund redeten, waren ihm zuwider. Hier fühlt man sich an zwei Sätze aus seiner Schrift Gabriel Marcels Philosophie der zweiten Person erinnert: „Nur dort, wo diese Beziehung zum Anderen so entfaltet wird, daß sie die ganze Spannung eröffnet und austrägt, aus der wir einander gegenüberstehend sind, wird Gemeinsamkeit ermöglicht und in ihr meine eigene Selbstwerdung. Nur dann aber können Ich und Du wahrhaft wir selbst sein, nur dann ist die Gefahr ausgeschaltet, für uns selbst Andere und damit letztlich ‚Keiner‘ und ‚Niemand‘ zu werden.“ (S. 207)
Diese bisher genannten philosophischen und hochschulpolitischen Tätigkeiten gingen mit vielfältigen weiteren Aktivitäten und Funktionen einher: So haben ihn seine Vortragsreisen wie auch sein Interesse an Kooperationen in verschiedenste Regionen geführt – von Pernegg über Zadar, Ann Arbor, MI, Toluca, Hanoi und Kiew bis nach Sibirien. Schon diese wenigen, beispielhaft genannten Orte zeigen die nationale wie internationale Ausrichtung. Innerhalb Österreichs arbeitete er etwa als Leiter der Wissenschaftlichen Landesakademie für Niederösterreich sowie als Vorsitzender und Programmkurator der Waldviertelakademie an einer Erweiterung der Bildungslandschaft in Niederösterreich und gestaltete die Gründung der Donau-Universität Krems mit. Ebenso wichtig aber war ihm der internationale Diskurs von Wissenschafter*innen, hierfür nur zwei Beispiele: Peter Kampits ließ sich selbst während der Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren nicht davon abhalten, Lehrveranstaltungen am Inter University Center (IUC) in Dubrovnik anzubieten und brachte, gemeinsam mit Jure Zovko, Vortragende und einen Kreis von Wissenschafter*innen aus Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Montenegro, Serbien, Österreich und Deutschland in einen interkulturellen Dialog, um die divergierenden Zugänge zu einer mitteleuropäischen Identität kritisch zu hinterfragen; und er hielt diese Gesprächsbasis jahrzehntelang aufrecht. Peter Kampits war überzeugt, dass die Fortführung des wissenschaftlichen Diskurses die Möglichkeit in sich birgt, zur Basis für die Wiederaufnahme politischer Diskurse zu werden. Mit dem Forschungsprojekt Humanismus und Ethik als Brücke zwischen den Kulturen wiederum initiierte Peter Kampits 2003 eine Kooperation mit der Universidad Autonoma del Estado de Mexico (UAEM). Diese Kooperation wurde 2008 in das Kulturabkommen zwischen den Staaten Österreich und Mexiko aufgenommen (bis 2016).
Seine Aktivitäten wurden mit einer Vielzahl an Auszeichnungen gewürdigt, wie beispielsweise dem Großen Silbernen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, dem Goldenen Ehrenzeichen der Stadt Wien oder dem Ehrendoktorat der Nationalen Taras Schewtschenko Universität Kiew. Peter Kampits nahm auch zahlreiche wichtige Funktionen ein, wie etwa im Leitungsgremium der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie, der Österreichischen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft, der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt, der Wissenschaftlichen Landesakademie für Niederösterreich, des Zentrums für Ethik in der Medizin der Universität für Weiterbildung Krems u.v.m.
Abschließend sollte noch ein weiterer Aspekt der Persönlichkeit von Peter Kampits angesprochen werden: Alle Menschen, die mit ihm zusammengearbeitet haben, wissen, dass diese Zusammenarbeit nicht immer einfach war. Er hat Konflikte nicht nur nicht gescheut, sondern manchmal regelrecht gesucht. Überwogen hat aus unserer Sicht aber etwas anderes, nämlich seine große Loyalität, seine Lust am Unterlaufen von starren Hierarchien und sein Engagement für die Mitarbeiter*innen.
Peter Kampits – ein so streitbarer wie liebenswürdiger Mensch, den wir vermissen.
Anja Weiberg & Helma Riefenthaler
