Vortrag, religionsphilosophie: Unsichtbarkeit und Sichtbarmachung: Wissenschaft und Okkultismus um 1900

17.06.2022 12:23

17. Juni 2022

Jonas Staehelin (ETH Zürich),

Unsichtbarkeit und Sichtbarmachung: Wissenschaft und Okkultismus um 1900

Freitag, 17. Juni 2022, 16:00 - 17:30 Uhr, NIG Hörsaal 3B

Gewappnet mit einem wachsenden Arsenal technischer Apparate öffneten die Naturwissenschaften im Verlauf des 19. Jahrhunderts den Blick auf eine unsichtbare Welt ätherischer Vibrationen, elektrischer Entladungen und magnetischer Kräfte. Doch mit dieser Multiplizierung des Unsichtbaren ging auch ein Bewusstsein über die zunehmende Unzulänglichkeit unserer Sinne einher. Auf dem elektromagnetischen Spektrum stellte der Bereich des Sichtbaren nur einen schmalen Streifen im unendlichen Kosmos ätherischer Schwingungen dar. Als die moderne Sinnesphysiologie obendrauf noch die Wahrnehmung zu einem rein subjektiven Akt herunterstufte, der vorerst nichts mit der objektiven Beschaffenheit der Aussenwelt zu tun hatte, schien die Welt buchstäblich abhandengekommen zu sein. Anstatt nun diesen Verlust zu beklagen, sahen viele Okkultisten darin das grosse Versprechen einer neuen Jenseitserfahrung. Zwar schien die Wissenschaft das Übernatürliche verbannt zu haben, doch an dessen Stelle trat das Unsichtbare. In diesem Jenseits der Sinne, gleichsam ein unerschöpfliches Reservoir des Unbekannten, fanden auch die okkulten Phänomene inmitten der Ströme der Moderne ihre temporäre bleibe.

Der Okkultismus war in diesem Sinne weder antimodern noch ist er als Form des «Gegenwissens» zu begreifen. Stattdessen werde ich in meinem Vortrag ausgehend von der Multiplizierung des Unsichtbaren und den damit einhergehenden epistemischen Implikationen die Durchlässigkeit zwischen Okkultismus und wissenschaftlicher Praxis im langen 19. Jahrhundert untersuchen.



Jonas Staehelin arbeitet an der ETH Zürich an seiner Dissertation Vom Übernatürlichen zum Übersinnlichen (und zurück): Okkulte und wissenschaftliche Epistemologien des Unsichtbaren im 19. Jahrhundert. Diese ist Teil des vom SNF geförderten Projekts Verwissenschaftlichung und Ästhetisierung der 'Esoterik' im langen 19. Jahrhundert.

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